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Als ich nach Finnland zog machte ich mir über das Wetter keine allzu großen Sorgen. Jeder hatte mir versichert, dass anders als in Großbritannien, Finnland tatsächlich vier Jahreszeiten zu bieten hat. Und da ich ausgeprägte Jahreszeiten mag schien es ein guter Tausch zu sein, das ewige nasskalt und das Gefühl mehr Jahreszeiten an einem Tag als in einem Jahr zu erleben in Großbritannien zurückzulassen und stattdessen starke saisonale Kontraste in Finnland zu erleben. Dabei hatte ich mir natürlich nicht ausgemalt, dass “Frühling” erst irgendwann im Mai auftaucht und nur ein paar Tage dauert.

Letztes Jahr hatten wir einen richtig guten Winter im Januar. Im Februar gab es dann hauptsächlich nur Schneematsch, welcher sich dann in Regen und dauerndes grau verwandelte das bis Ende April andauerte. Am 1. Mai änderte sich plötzlich alles: Die Temperaturen sprangen auf 20°C und blieben die nächsten zwei Monate auch dort. Die Bäume waren praktisch über Nacht ergrünt. Mir fehlten die typischen Frühlingsboten, die einen auf wärmere Zeiten vorbereiten: Schneeglöckchen, Krokus, gefolgt von Narzissen und Tulpen – zumindest in Helsinki schien es davon keine zu geben. Ich glaube die ersten Blumen, die ich letztes Jahr sah waren irgendwann im Mai Glockenblümchen. Das lange Fehlen von Vegetation auszuhalten war nicht leicht für mich, aber immerhin schienen die Temperaturen langsam aber stetig zu steigen. Nicht so dieses Jahr:

Diesen Winter kam der erste Schnee schon mit dem Anfang von November. Den ganzen November hindurch gab es sogar relativ viel Schnee, aber dann wurde es wieder wärmer. Es schneite den einen Tag und regnete am nächsten, so dass wir weder vernünftigen Schnee hatten, noch sichere Eisflächen und die Straßen waren voller Matsch. Es war weit entfernt von der Winterwunderwelt, die ich mir erträumt hatte bevor wir hierher zogen.

Nach dem Reinfall, der dieser Winter war hoffte ich zumindest auf einen früheren Frühling, da es ja die ganze Zeit über recht mild gewesen war. Ich ersetzte die Winter- durch Frühlingsdekoration an den Fenstern. Die Sportplätze, die im Winter zum Eislaufen präpariert werden, waren schon ende Februar nicht mehr nutzbar, da es zu warm war. Gegen Ende März gab es 3 Tage, die so warm waren, dass ich meine Mütze wegpackte und überlegte von Winterstiefeln auf normale zu wechseln. Auf unserem verglasten Balkon war es so sonnig, dass es zu heiß zum dort sitzen war. Ich sähte Blumen und Gemüse in meinen Töpfen, die ich tagsüber auf den sonnigen Balkon stellen und Nachts hereinholen konnte. Am nächsten Tag wachte ich zu diesem Anblick auf:

 

Mir kamen fast die Tränen, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es nicht lange liegenbleiben würde und wohl nur ein letztes Aufbäumen des Winters war, zuversichtlich, dass die Temperaturen auch weiterhin steigen würden. Taten sie aber nicht. Den gesamten April über kamen wir kaum über die 5°C und es war die ganze Zeit grau und regnerisch, so dass meine kleinen Pflänzchen es bis heute noch nicht sehr weit geschafft haben. Gegen Ostern begann es dann wieder zu schneien. Obwohl nichts liegenblieb kam in etwa jeden zweiten Tag Schnee vom Himmel und manchmal wachten wir auch zu weißen Straßen auf. Gestern, am 29. April, schneite es wieder ordentlich. Wir mussten trotzdem aus dem Haus, und da habe ich ein paar mehr Bilder gemacht:

 

Wir haben jetzt seit 6 Monaten Schnee. 6. Monate. Ich hätte so etwas in Nordfinnland erwartet, aber nicht hier ganz im Süden. Es ist 8 Wochen vor Mittsommer. In weniger als drei Wochen wird im nördlichsten Teil von Finnland die Sonne nicht mehr untergehen, und trotzdem haben sie dort noch fast einen Meter Schnee. Alle Urlaubstage, die ab morgen in Finnland genommen werden zählen als Sommerurlaub, und dennoch sind vereinzelte Krokus und ein paar arg mitgenommene Narzissen, die herzlos ins Kalte gepflanzt wurden das einzige, was bisher hier wächst. Morgen wird ganz Helsinki beim Picknick im Park sein, egal wie das Wetter ist, denn das macht man eben am Ersten Mai so. Und die Wettervorhersage verspricht auch für die kommenden 10 Tage nicht viel Verbesserung, mit dem nächsten Schneeregen vorhergesagt für 7. Mai. Wenn ihr also Freunde oder Familie in Finnland habt, denkt an sie wenn ihr die Frühlingsblumen genießt! Zumindest für mich ist nicht die Dunkelheit im Winter das Schlimme hier (wenn man einen normalen Bürojob hat kriegt man auch in Deutschland oder Großbritannien kein Tageslicht), sondern das lange Warten auf die ersten Vegetationszeichen im Frühling.

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3 thoughts on “Warten auf den Frühling

    1. Would absolutely love to! But right now it’s not an option sadly =(. It’s a potential option for long term though at least.

  1. Ich weiß, was du meinst… mag den Frühling in Finnland (bzw. das, was die Finnen dafür bezeichnen) auch gar nicht… mein finnischer Freund ist im Moment auch ausnahmsweise mal ganz dankbar, dass wir in Deutschland wohnen. Hoffentlich wird der Sommer wenigstens warm, der war in den letzten Jahren ja irgendwie auch nicht so doll!

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