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Kennt ihr diese Internet Memes mit irrwitzig langen und schwierig aussehenden finnischen Wörtern? Ich kann euch sagen, wenn ihr Finnisch lernt wird das euer kleinstes Problem sein. Es gibt viele schwierige Dinge beim Finnischlernen, aber die Wortlänge gehört nicht dazu. Wie überrascht wäret ihr jetzt, wenn ich sage, dass die finnische Sprache hauptsächlich aus sehr kurzen ein- und zweisilbigen Wörtern besteht? Es gibt auch noch einige mit drei oder vielleicht auch mehr Silben, aber die große Mehrheit hat weniger. Der Blog “Random Finnish Lesson“, den ich übrigens sehr empfehlen kann, hat mehrere Beiträge in denen man das gut erkennen kann: 100 sehr häufige Wörter, Wörter mit zwei Buchstaben, Wörter mit einem Konsonant und langem Vokal. Ein finnischer Satz kann also gerne auch mal so aussehen: “Yötyö oli ohi jo, oi, se oli iso ilo!” – Die Nachtschicht war schon vorüber, oh, das war eine große Freude!

Wie kommen dann also Ungetüme wie alkusyysmaatyöraesää zustande?

Wie im Deutschen auch handelt es sich hier einfach um viele kleine Einzelwörter, die zusammen etwas spezielleres bedeuten. Auch im Deutschen haben wir ja kein Problem Wörter wie “Holzparkettfußbodenschleifmaschinenverleihgeschäftsschaufensterputzausrüstung” zu kreieren, die an sich vollkommen korrekt sind (und im Übrigen wesentlich schwieriger auszusprechen sind als alles was die finnische Sprache je zu bieten hat!). Aber solche Worte sind eben sehr, sehr spezifisch. Das gleiche gilt auch für Finnisch: Man kann irrsinnig lange Worte erfinden, aber je länger, desto spezifischer ist etwas, und desto unwahrscheinlicher ist es, dass man es überhaupt irgendwo antrifft. Es ist nicht irgendein Wetter, es ist Hagelwetter für die Feldarbeit im frühen Herbst – “alkusyysmaatyöraesää“. In den meisten anderen Sprachen würde ein Wort mit der gleichen Bedeutung wesentlich länger ausfallen, da die Ausgangswörter viel länger sind – man vergleiche “Frühherbstfeldarbeitshagelwetter” (32 Buchstaben) mit alkusyysmaatyöraesää (20 Buchstaben). Oder auch hääautoöljyalijäämä (19 Buchstaben) und Hochzeitswagenölknappheit (25 Buchstaben). Dann gibt es da natürlich noch das berühmte kalsarikännit “sich zu Hause in Unterwäsche betrinken”, 13 gegen 33 Buchstaben, obwohl dies wohl etwas geschummelt ist, da die Wortteile nicht direkt übersetzt werden.

Der Deckel fand meine unwissenschaftlichen “Beweise” zur Wortlänge in Finnisch stümperhaft, und beschloss die Wortlänge von Englisch und Finnisch zu analysieren, anhand von ausführlichen Listen der am meisten gebrauchten Wörter und deren Häufigkeit. Er fand dabei heraus, dass meine Behauptung, dass finnische Wörter kürzer als englische seien, falsch war. Mir doch egal. Auf jeden Fall sind sie nicht sehr viel länger, wie man an diesem Schaubild erkennen kann:

Distributions

Die grüne Linie zeigt die Länge der finnischen Wörter an, die anderen beiden Linien sind für Englisch: Die blaue Linie beinhaltet alle Wörter, die orange Linie hat keine Präpositionen eingeschlossen, da diese im Finnischen nicht existieren und daher das Bild etwas verzerren, da sie insgesamt die am Meisten benutzten Wörter und oft sehr kurz sind. Die gestrichelten Linien zeigen die durchschnittliche Wortlänge in den Sprachen an, welche im Finnischen mit 5,76 Buchstaben ungefähr ein Buchstabe mehr als im Englischen ohne Präpositionen (4,73 Buchstaben) ist. Englisch mit Präpositionen wurde mit einer durchschnittlichen Wortlänge von 4,21 Buchstaben berechnet.

Etwas das stark zur Wortlänge im Finnischen beiträgt sind die Präpositionen – beziehungsweise die Tatsache, dass es keine gibt. Statt also Wörter wie “bei, in, für, durch, hinein, auch…” zu benutzen, werden die vielen (14) Fälle zu Hilfe genommen: an so gut wie jedes Wort wird eine Nachsilbe angehängt (und DAS ist das wirklich fiese an dieser Sprache, aber da es auch kurze Wörter betrifft ist es hier nicht wirklich Thema). Zusätzlich kann das Wort noch weitere Nachsilben erhalten um Plural, Possessiv, Frage oder Betonung anzuzeigen. Verben werden im Normalfall nicht gar so lang, aber auch hier gibt es Suffixe für Person, Zeit und Intention (wie zum Beispiel auch in den romanischen Sprachen). Und dann kann man natürlich noch Wörter durch Suffixe in eine andere Wortgruppe verwandeln, zum Beispiel die Substantivierung von Verben. Damit sagen normalerweise die letzten 1-6 (manchmal auch mehr) Buchstaben in einem Wort nur aus, wie das Wort in den Satz gehört, aber verändern nicht das eigentliche Ding. Wenn man also Buchstabenkombinationen wie “-ssa(mme), -ltä, -ksi, -hiin(sä)” usw am Ende von Wörtern sieht handelt es sich hier um Nachsilben. Darum geht es auch in diesem bekannten meme (gefunden auf imgur), in welchem das 5-Buchstaben Wort “koira” mit Hilfe von allerhand (grammatisch korrekten, aber nicht unbedingt sinnvollen in irgendwelchem Kontext) Suffixen bis zu 17 Buchstaben aufgeblasen wird:

koira

Das Gute an Finnisch ist, dass es, verglichen mit Deutsch oder Englisch, relativ einfach ist lange Wörter zu lesen und auszusprechen:

In der finnischen Sprache gibt es etwas das “Vokalharmonie” heißt, was bedeutet, dass in einem einzelnen Wort nur Vokale der Gruppe auo oder der Gruppe äyö vorkommen (e und i können in beiden Gruppen auftauchen). Wenn ein Wort also Vokale aus beiden Gruppen enthält weiß man schon mal, dass es sich um ein zusammengesetztes Wort handelt. Manchmal kann die Menge an Vokalen im Finnischen geradezu einschüchternd aussehen. Aber gerade diese Vokale sind sehr hilfreich um Wörter wie “alkusyysmaatyöraesää“, “metsämansikkajäätelöjuhlapöytä” oder “hääautoöljyalijäämä” zu lesen, da es hier wegen der Vokalgruppen leicht zu erkennen ist, wo ein Wortteil zu Ende ist und der nächste anfängt: alku|syys|maa|työ|rae|sää, metsä|mansikka|jäätelö|juhla|pöytä und hää|auto|öljy|ali|jäämä. Natürlich sind nicht alle zusammengesetzten Wörter so freundlich die Vokalgruppen schön abwechselnd zu gebrauchen, es können auch mehrere Wörter mit gleichen Vokalgruppen in einer Reihe stehen, wie zum Beispiel in ratsastajapatsaskatsastaja (Reiterstatueninspekteur).

Wenn ein Wortteil in einem zusammengesetzten Wort mit dem gleichen Buchstaben anfängt wie der vorhergehende Teil endet gibt es einen Bindestrich zwischen den Teilen, um anzuzeigen wo die Worttrennung ist, da ansonsten nach finnischer Aussprache die Buchstaben ineinanderfließen würden: Auto-onnettomuus ist ein Autounfall.

Und ansonsten arbeitet man sich einfach Buchstabe für Buchstabe im Wort voran. Im Finnischen wird jeder Buchstabe ausgesprochen und immer gleich ausgesprochen. Verrücktheiten wie “enough women were queuing for choir”, wo Buchstaben einfach weggelassen oder komplett anders als normal ausgesprochen werden, gibt es nicht. Wenn man im Finnischen also Doppelbuchstaben begegnet wird dieser einfach die doppelte Länge vom Einzelnen Buchstaben ausgesprochen, beziehungsweise zweimal mit einer kurzen Pause dazwischen für Plosive (kk, tt). Doppelvokale richtig auszusprechen kann übrigens Leben retten: Tapaan sinut – Ich treffe dich, tapan sinut – ich bringe dich um – also nur keinen Stress ;).

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6 thoughts on “Keine Angst vor langen Wörtern

  1. Hey, just discovered your blog and wanted to like your Facebook page but the link under your article is not working and just by searching your blog name I don’t find it…?
    Cheers from Tampere (with Bavarian roots 😉 )
    Carina

    1. Hi, thanks for getting in touch :). I’m afraid I don’t have a Facebook page for the blog, only twitter – I just can’t doable the other “like” buttons! Not terribly technically advanced here I’m afraid 😉

  2. Hi, I’d like to clarify the rule in the second last paragraph a bit. A hyphen is added between compound words only when the words end and start with the same vowel. No hyphen is added, if the same letter happens to be a consonant.

    Trotzdem, du hast ein sehr gut Blog, ich finde das sehr interessant!

  3. Turkish and Hungarian work pretty much the same refering to these grammar constructions. Polysynthetic languages such as all Eskimo family, Cree, Mohawk le Navajo go beyond that, and add another complexity: within the amount of letters in a word, they also inflect a lot

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