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Helsinki ist eine große Hafenstadt mit guten Fährverbindungen zu anderen Städten an der Ostsee, vor allem Tallinn, Stockholm und St Petersburg. Vor kurzem unternahmen wir eine kurze Kreuzfahrt nach Stockholm. Viking Line bietet diese Fahrten täglich an: Das Schiff verlässt Helsinki am späten Nachmittag und kreuzt über Nacht nach Stockholm mit einem kurzen Stop in Åland. Es bleibt dann 6 1/2 Stunden in Stockholm, bevor es über Nacht nach Helsinki zurückgeht. Natürlich kann man diese Fahrt auch umgekehrt von Stockholm aus machen. Diese Fahrten sind normalerweise recht günstig (vor allem, wenn man einen Tag mit Sonderangebot erwischt), und mit einem extra Gutschein zahlten wir nur 6€ pro Person für zwei Nächte an Bord.

Ich hatte viele Gerüchte über diese Kreuzfahrten gehört, welche unter vielen Spitznamen bekannt ist:

Die Sauffahrt, weil es an Bord einen Duty Free Laden gibt, wo man Alkohol billiger als in Finnland oder Schweden bekommt. Viele machen die Kreuzfahrt nur mit, um ihre Alkoholvorräte aufzufüllen – obwohl sich die Anzahl dieser Leute seit dem EU-Beitritt von Estland stark verringert hat, da Tallinn näher an Helsinki und noch günstiger ist. Das Geschäft scheint dennoch weiterhin zu florieren, da der Laden sogar extra Lastenträger verkauft, für die, deren Augen im Laden größer sind als der Koffer.

Das Partyboot, bekannt für wilde Nachtclubs mit Karaoke, Tango und anderem Tanz und, nachdem alles offizielle Nachtleben an Bord geschlossen hat, zahllosen Kabinenfeiern. Angeblich lassen viele sogar die Tür zu ihren Kabinen offen, damit alleinreisende Fremde sich den Feiern anschließen können. So offen und sozial können die nordischen Völker also nach ein bisschen Alkohol sein! Die Feierwütigen nutzen die Kreuzfahrt hauptsächlich wegen des Nachtlebens und schlafen dann tagsüber, anstatt von Bord zu gehen und die Stadt zu erkunden.

Das Liebesboot: Nummer 1 und 2 dieser Liste bringen anscheinend viele neue Bekanntschaften hervor, welche dann auch an Ort und Stelle vertieft werden.

Meine Erwartungen waren also groß: betrunkene Finnen beim Karaoke, Senioren beim feurigen Tango, lautstarke Parties unter Deck und Besoffene, die von Wand zu Wand torkeln während sie versuchen, ihre neuesten Alkoholeinkäufe sicher in die Kabine zu bringen. Ach, was wurde ich enttäuscht! Vielleicht war es auch nur die falsche Jahreszeit – da wir am Wochenende fuhren konnte es nicht am Tag liegen – oder aber die Gerüchte sind alle falsch, aber es ging nichts vonstatten, das auch nur einen der Spitznamen gerechtfertigt hätte.

Wir sahen natürlich Passagiere ihre Alkoholvorräte aufstocken, aber obwohl der Laden die ganze Fahrt über gut besucht war kauften die Leute jeweils doch weit weniger als ich erwartet hätte. Im Nachtclub gab es erst ein Kinderprogramm mit Besuch von Snoopy, dann spielten ein paar Bands – aber keine Spur vom berühmten finnischen Tango. Es war zwar etwas Publikum da, aber ging sehr zivilisiert zu. In der Bar nebenan saßen nur eine handvoll Leute, am ersten Tag spielte Musik vom Band und am zweiten ein Elvis Doppelgänger. Und das wars dann auch schon. Am ganzen Schiff konnten wir Grüppchen von Leuten um Tische sitzen sehen, die sich leise unterhielten – keine unsittlichen Zuneigungsbekundungen oder Anzeichen für beginnende Alkoholvergiftungen. Auf unserem Deck war es auch sehr ruhig. In der Kabine nebenan machten sich ein paar junge Russen anscheinend zum Feiern bereit: Sie schafften es 8 Leute in die kleine Kabine zu quetschen, aber nach etwa einer halben Stunde Unterhaltung auf Zimmerlautstärke war auch hier die Party zu Ende.

Außer dem enttäuschenden Mangel an Klisches und widerlich grauem Wetter war unsere Reise wirklich schön. Beim Einsteigen wurden wir vom Schiffsmaskottchen, einer riesigen Plüschkatze namens Ville, begrüßt. Wir bezogen unsere Kabine, welche eine permanent gute, aber leider künstliche, Aussicht bot. Wir hatten eine Kabine vom Typ B, welche zum Glück auf dem ruhigen Deck 6 lag, weit weg von den lauten Maschinendecks. Sie war nicht gerade groß, aber wir schafften es darin sogar zu viert Karten zu spielen, und das angeschlossene Bad war größer als so manche, die ich so in Großbritannien bewundern durfte. Das Schiff hat verschiedene Restaurants, aber leider alle eher teuer. Es gibt ein großes Buffet für 36€, die preisgünstigste Option. Da Alkohol inbegriffen ist mag das ein guter Preis sein für Leute die viel essen und trinken, aber für nichttrinkende Vegetarier wie mich ist es ein weniger gutes Geschäft. Die anderen Restaurants gehörten eher zum Fine Dining und im Cafe wurden nur Sandwiches und schwedische Fleischbällchen serviert. Das Frühstücksbuffet für 10€ wiederum war mit dem großen Angebot sehr gut.

Wir legten um 10 Uhr morgens in Stockholm an und gingen auch gleich von Bord. Es sind etwa 20 flotte Minuten Fußweg vom Terminal nach Gamla Stan, der hübschen Altstadt von Stockholm. Da ich vorher noch nie dort gewesen war gab es für uns viel zu entdecken. An einem grauen, winterlichen Sonntagmorgen war in den Straßen von Gamla Stan noch nicht viel los, da die meisten Läden erst Mittag öffneten. Das Wetter war nicht gerade ideal zum Fotografieren, und die Stadt erinnerte mich an viele deutsche Städte, und war daher nichts besonders außergewöhnliches für mich. Deshalb beschlossen wir dem Vasa Museum einen Besuch abzustatten. Wir brauchten etwa eine weitere halbe Stunde um zu Fuß dorthin zu gelangen, durch weitere hübsche Teile von Stockholm.

Die Vasa war ein Kriegsschiff, das im 17. Jahrhundert gebaut worden war. Es sollte ein besonders beeindruckendes und prächtiges Schiff werden um auf dem Meer Schwedens Stärke zu demonstrieren. Es war mit mehr als 700 Figuren geschmückt, erstrahlte in bunten Farben und trug 64 Kanonen, ein wahres Meisterwerk. Leider war es jedoch eher ein Schmuckstück als ein funktionstüchtiges Kriegsschiff, nicht stabil genug, und sank schon auf der Jungfernfahrt nach nur einem Kilometer Reise wegen einer leichten Brise. Es lag dann mehr als 300 Jahre im Hafenschlamm von Stockholm. Zum Glück bedeckte der Schlamm das Schiff und konservierte es dadurch so gut, dass es bei der Bergung 1961 praktisch eine Zeitkapsel ins 17. Jahrhundert war. Das gesamte Schiff wurde restauriert, bis heute das größte Projekt seiner Art, und kann im Vasa Museum bewundert werden. Das heutige Schiff besteht noch zu 98% aus Originalteilen. Besucher dürfen es nicht betreten, aber können es auf verschiedenen umlaufenden Gallerien von allen Seiten ansehen, und es gibt Nachbauten von zwei Räumen auf dem Schiff, die betreten werden können. Außerdem beinhaltet das Museum eine sehr gute Ausstellung über das Leben der Seeleute zur Zeit der Vasa und ein Video über Bergung und Restaurierung des Schiffs. Besonders interessant fand ich außerdem die alte Tauchglocke, in die wir natürlich sofort hineingeklettert sind – ziemlich finster da drin! Alle Schilder im Museum sind in Schwedisch, Finnisch und Englisch. Wir haben ungefähr 2 Stunden im Museum verbracht, und ich kann es wirklich absolut empfehlen!

Wir spazierten dann zurück nach Gamla Stan und bummelten durch die jetzt offenen Läden bevor wir zum Schiff zurückkehrten. Auf dem Weg vom Museum sahen wir außerdem einige furchtlose Kajakfahrer, die gegen Flussströmung und Schneefall ankämpften, und kamen am Opernhaus vorbei, dessen Rückseite aussieht als hätte ein Kind mit Bauklötzen aus verschiedensten architektonischen Stilen ein Haus gebaut. 6 1/2 Stunden sind nicht gerade viel Zeit um eine Stadt wie Stockholm zu besichtigen, deshalb würde ich empfehlen beim Frühstück auf dem Schiff reinzuhauen, damit man dann bis zum Abend keine Essenspause mehr einlegen muss. Das hat für uns ganz gut funktioniert, aber wir sind auch recht flotte Fußgänger und Sightseer.

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6 thoughts on “Kreuzfahrt nach Stockholm

  1. As always, a pleasure to read. And man did this brought memories! I’ve visited Stockholm more times than I can count with a ship! 😀

    1. Thank you! So tell me, can you confirm the rumours from your trips, or were they similar to my experiences? 😉

      1. I can confirm your rumours and not confirm. I was quite young when I went, but I do remember seeing and hearing people being rather drunk. I guess it just depends on the trip (as well as if its desinged for young adults or not)

  2. Some cruise ships have more control on passenger behavior then others for example I’ve heard that Viking Grace is pretty strict on boozing and partying outside official venues or about making noise in general since it’s meant to be a “family oriented ship”.

  3. Usually I don’t like big cities, because they are too stressful. But I loved Stockholm. It has so much water and green spaces that it is quite relaxed…

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